ist der Autor der „Traummöbel“ – Geschichten in der Infusionshalle. Seine Geschichten erzählen kurze Schlaglichter aus dem Leben der Möbel…
Ein paar Kostproben hier:

13. März
Bin heute schon wieder verwechselt worden. Niemals werden diese Leute sich merken, daß ich hier die Nummer eins bin. Wieder und wieder ziehen sie meinen Bruder oder eine von meinen beiden Schwestern vor. Nur, wenn es um niedere Aufgaben geht, dann holen sie mich her. Dann muß ich beispielsweise als Leiter dienen, wenn sie eine Glühbirne einschrauben. Und gestern, als das plumpe Kind in diesem Haus gegen das Verbot aufbegehrte, Schimpfworte benutzen zu dürfen, da hat es mich vor Wut einfach umgetreten und anstatt daß sich jemand um mich gekümmert hat, ging es nur um eine Strafe für das dicke Kind. Unmöglich. Mir gefällt es hier nicht, obwohl Wien sehr schön sein soll. Meine Schwester, die das Glück hat, an einer Tür zu stehen, bekommt davon wohl etwas mit. Manchmal erzählt sie von Pferden, die prächtige Kutschen ziehen, in denen prunkvoll gekleidete Menschen sitzen. Ich hasse sie. Sie steht auf meinen Platz. Ich bin die Nummer eins. Mir steht das zu. Ich will endlich das bekommen, was ich verdiene. Ja, gestern war ein richtig schlimmer Tag. Allein die Qual, als das widerliche Kind sich zum Abendessen wieder auf mich gesetzt hat. Am liebsten hätte ich es abgeworfen, aber das geht ja nicht. Und die fiesen, schadenfrohen Blicke meiner Geschwister sind kaum noch auszuhalten. Meine Schwester erzählt immer nur Geschichten darüber, was sie alles sieht, wie schön es außerhalb unserer Wohnung ist. Wie es mich aufregt, wie sie damit angibt, daß sie etwas sieht, was wir anderen nicht sehen können.

14. März
Heute mittag haben sie unseren ältesten Bruder in der Küche gebraucht. Das hat uns endlich die Möglichkeit gegeben, über ihn und die Situation zu reden. Er ist in letzter Zeit einfach unausstehlich. Wir konnten uns zwar alles von der Seele reden, was gut war, aber bevor wir irgendwelche Beschlüsse fassen konnten, haben sie ihn wieder zurückgebracht. Mißtrauisch hat er uns beäugt, aber gesagt hat er nichts. Die Stimmung war wieder einmal ganz unten. Manchmal tut er mir schon leid, wenn das dicke Kind sich krachend auf ihn wirft. Er hat es nicht leicht, aber dafür können wir anderen doch nichts. Er tut immer so, als müßte einer von uns an seiner Stelle sein. Immer ist er unzufrieden. Nie kann man es ihm recht machen. Seitdem wir das Möbelhaus verlassen haben, ist er nur noch am Mosern. Klar, da hatten wir ein gutes Leben. Wir waren Ausstellungsstücke und wer hätte ahnen können, daß wir irgendwann verkauft werden. Billiger verkauft. Aber anstatt froh zu sein, daß sie uns nicht getrennt haben, trauert er nur der vergangenen Zeit hinterher. Er kann sich einfach nicht damit abfinden, wie es ist. Wenn er wenigstens wüßte, was er gerne hätte.

15. März
Was für ein Tag. Alles begann damit, daß unsere Schwester ein Bein verloren hat, weil das dicke Kind wieder einen seiner gefürchteten Ausbrüche hatte. Sie haben sie am Abend weg gebracht. Was aus uns wird ist noch nicht klar. Unser ältester Bruder war zunächst nur am Schimpfen und Toben, bis sie uns umgestellt haben und er an meinen alten Platz an der Tür gekommen ist. Für einen kurzen Moment wirkte er völlig befriedigt, danach hat er erst einmal keinen Ton mehr von sich gegeben. Ich habe den Anderen immer erzählt, was ich sehe. Geschichten von der Schönheit der Welt da draußen, Geschichten, die ich mir habe einfallen lassen, während ich auf die graue Betonwand des Hochhauses nebenan gestarrt habe. Unsere Schwester. Weg. Ich kann es noch gar nicht glauben. Ich frage mich, ob sie wiederkommt. Frage mich, wo sie ist und wie es ihr geht. All diese Fragen, während mein ältester Bruder mich voll Bitterkeit anstarrte. Und wie unbeteiligt er das dicke lärmende Kind hinnahm. Er ignorierte es einfach. Das hatte ich bei ihm noch nie gesehen. Ich begann mir ernsthafte Sorgen um ihn zu machen. Etwas in ihm schien zerbrochen. Wie bei unserer Schwester – nur innerlich. Ich hatte Angst, daß er auch nicht mehr lange überleben wird. Doch dann, als alles ruhig war, begann er zu erzählen. Er erzählte von den prachtvollen Dingen, die er, nun da er einen freien Blick auf die Welt da draußen habe, endlich sehen konnte und seine Geschichten waren voller Leben und Freude. Was für ein Tag.

 

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