Crafting Stüberl, Work & Tomboy

Ein Hörspielabend mit Aktion!
Lauscht den  Hörspielen „Tomboy“ und „Work“ von den Autoren Thomas Meinecke und Move D und  – wer Lust hat – beschäftigt dazu noch die Hände.
Ab 19.00 Uhr

‚Tomboy‘
Komposition: David Moufang
Mitwirkende: Thomas Meinecke, Move D und Karl Berger (Vibraphone)
Produktion: BR 1998
Um was gehts?
Thomas Meinecke stellt in seinem Hörspiel ‘Tomboy’ die Frage, ob denn die Aufspaltung der Geschlechter in Männer und Frauen wirklich so eindeutig ist, wie zumeist angenommen wird. Wie werde ich Frau? Wie werde ich Mann? Ist ‘Tomboy’, ein amerikanischer Ausdruck für ein burschikoses Mädchen, ein Schimpfwort oder ein Lob? Kann Luis Trenker lesbisch sein? Meinecke spürt den Irr- und Umwegen nach, wie die Geschlechterzugehörigkeit oder sexuelle Identität entsteht, wie sie von kulturellen Maßgaben geprägt wird und wie die Personen sie annehmen. Wird ein Mann zu einer Frau durch eine Operation oder durch die pure Behauptung, eine Frau zu sein? In ‘Tomboy’ werden einerseits neuere Schriften des Feminismus rezipiert, andererseits geht der Blick zurück bis zum Frauenfeind Weininger und Kirchenmann Augustinus. Es geht um die gesellschaftliche Situation der Frau, um Crossgender, male femaling, Transvestiten, den imaginären Phallus – und was an virulenten Diskursen so noch durch die feministische Fachliteratur geistert und zu einiger Verwirrung in der traditionellen Philosophie beigetragen hat. Und in ‘Tomboy’ sind die Bücher ebenso wichtig wie die Anekdoten über ihre Autorinnen und Autoren. Meinecke macht den philosophischen Klatsch literaturfähig. In ‘Tomboy’ wird der Umgang mit der Theorie zu einer Art Tagebuch, denn auch schon die Theorie hat davon erzählt, wie sich das Geschlecht der Autorinnen und Autoren gebildet hat, jedes Ich hat ein anderes ausgeschlossen. Die Empfindungen lehnen sich an die Theorien der gender studies an, die über die Geschlechtlichkeit jenseits der Biologie nachdenkt, aber nie wird die Erzählung zu einem bloßen Abziehbild der Wissenschaft. Die Theorie eröffnet Wege, sich abseits gesellschaftlicher Konventionen ein Geschlecht zumindest zu denken und – in seltenen Fällen – es sogar auszuprobieren. So gelingt es Meinecke, das Unbehagen mit dem Geschlecht bei Männern und Frauen jenseits der Pubertät zu behandeln. “Wer bin ich?” weitet sich zu “Was bin ich?”. Eine Figur sagt einmal vor dem Spiegel: “Das ist ich”.

 workWORK‘ von Thomas Meinecke und Move D
Mitwirkende: Eric D. Clark, Thomas Meinecke, Move D
Produktion: BR 2009
Um was gehts?
Bereits in den 1920er Jahren konnte man in den USA eine etymologische Vermischung der Sphären Arbeit und Liebe wahrnehmen, als nämlich sogenannte working girls (junge, berufstätige Frauen, meistens Angestellte in Büros, die kurze Kleider trugen, noch kürzere Haare, und in der Öffentlichkeit rauchten) nicht nur den ersten breiten, unübersehbaren Schwung mit bislang unbekannter Souveränität über ihre Sexualität verfügender Frauen (mehr als nur soziologisch) markierten, sondern im gemeinen Umgangston konnte working girl stets auch eine Prostituierte bedeuten. Im subkulturellen Jive bildete sich die Silbe work zunehmend zu einer Vokabel für selbstbestimmte, nicht selten sexuell dissidente Aktivitäten aus, bis sie in der überwiegend queeren, zumeist lateinamerikanischen Subkultur der (von Judith Butler und Madonna glorifizierten) voguenden Ballsäle Spanish Harlems zu einem zentralen Terminus wurde. You Better Work hieß der Refrain des Superhits Supermodel der drag queen RuPaul, und das war wirklich nicht als Aufruf zur Arbeitsmoral der white anglo-saxon protestant (WASP) society der USA gemeint (der dazugehörige Videoclip wurde in New Yorks für seine schrägen Bordsteinschwalben berüchtigtem meat-packing district gedreht). Die Underground House Music New Yorks, Chicagos Booty Bass oder Detroits Ghetto-Tech nutzt die Vokabel bis heute im Kontext kaum verhohlener sexueller Metaphern (work my body over), die hier aber, zumal oft sehr dialektisch bipolar kodiert, nicht dem (handels)üblichen Sexismus dienen, sondern (im Dreieck der Diffamierungen race, class and gender) kritisches Potential entfalten. David Moufang und Thomas Meinecke haben sich durch das Repertoire dieser aufregenden Musik ge-arbeitet und aus unzähligen Samples, gepaart mit Aussagen einschlägig Involvierter (dance veterans, drag queens, DJs), auch ihren eigenen Stimmen und Instrumenten, einen hypnotischen Mix produziert. Andere Räume, andere Stimmen.

Beide Hörspiele sind bei intermedium rec. erschienen:
http://www.intermedium-rec.com/recordsd/cd043.html
http://www.intermedium-rec.com/recordsd/cd004.html

Advertisements