binichschoenIm Kontext von Radical Crafting und Modeaktivismus setzt Stephanie Müllers Idee „Aufstand der textilen Zeichen“ an.  Ausgangspunkt ist ein Gruppenexperiment, das im Mai 2008 startete und nun in Form einer Vernetzungsaktion fortgeführt wird.

Stephanie Müller hat jungen Frauen aus München, die mit Radical Crafting und Modeaktivismus bislang nur am Rande in Berührung gekommen waren, Gelegenheit gegeben, ihren eigenen Modekonsum sowie medial vermittelte Schönheitsideale in Bezug auf ihren jeweiligen soziokulturellen Hintergrund kritisch zu hinterfragen. Entstanden sind Texte und Fotografien die im November 2009 ausgestellt werden.

DIY kannte ich nur vom Hörensagen, selbst gemachte Mode? Das Interesse hielt sich in Grenzen.“Ähnlich wie Tina Täsch hat Mirjam Stutzmann das Gruppenexperiment erlebt: „Bisher war ich nur Konsumentin von Mode, zwar eine interessierte und nicht völlig unkritische. Selbst aktiv geworden, im Sinne eines subversiven Umgangs mit Mode, bin ich aber noch nicht.“ Mit dem Experiment bekommen die TeilnehmerInnen die Möglichkeit , sich von der Rolle der passiven KonsumentIn zu emanzipieren und selbst in Aktion zu treten.

Viele DIY-Aktionen und feministisch anspruchsvolle Projekte legen die Latte hier oft zu hoch, wenn sie auch außerhalb der eigenen Community für Aktivismus begeistern möchten“, so Tina Täsch. Denn eine aktivistische Auseinandersetzung fordert von den Beteiligten auch einiges ab: „Feingefühl, organisatorische Kräfte und Zusammenhalt“, wie die Grafik-, Foto- und Performancekünstlerin Christina John bemerkt.

Der Einstieg ins Experiment begann mit der Auseinandersetzung mit den „Stiefkindern“ der Mode, also den von der Modeindustrie weitgehend vernachlässigte Themen wie Sizism, Ageism, Lookism und Racism. Auch die Begrifflichkeiten aus dem DIY-Aktivismus wie „Cocooning“, „Prosumer Cultures“, „Culture Jamming“ oder „Brand Sabotage“, die ihnen noch weitgehend unbekannt waren wurden thematisiert. Dann wurde je ein Aspekt herausgegriffen, der Fragen aufwirft und der im Zuge des Experiments erkundet wurde. Dabei fiel die Wahl auf die „Diktatur der Individualität“, den „Bildschirm als Spiegel der Identität“, „Sizism“ und „Cocooning und neue Häuslichkeit“.

Zu den gewählten Themenkomplexen formulierten die Teilnehmerinnen eine Reihe von Fragen, die Stephanie Müller„beantwortete“, aber weder mündlich noch schriftlich. Sie führte den Dialog in je einer tragbaren Kleiderkollage oder textilen Objektserie fort, mit dem Ziel, die Kleidung selbst zum Aussageträger zu machen.

pcIn der dritten Arbeitsphase haben die Teilnehmerinnen kommentarlos die genähten Antworten bekommen. Diese sollten sie im Zuge eines Fotoexperiments dechiffrieren und interpretieren. Dabei hatten sie Gelegenheit, als Fotografin oder Modell selbst in Aktion zu treten. Am Ende haben sie gemeinsam eine Fotoserie herausgearbeitet, die die BetrachterInnen zu weiteren Überlegungen anregen soll. Erst nach Projektabschluss wurde das Gespräch wieder miteinander aufgenommen, um das Frage-Antwort-Spiel kritisch zu hinterfragen: Wie haben sie die genähten Antworten gelesen, interpretiert und gegebenenfalls dekonstruiert? Deutet der überdimensionierte Rock etwa auf „Schlankheitswahn“ hin? Oder ist die zeltartige Kreation doch eher eine Anspielung auf „Cocooning“ und den Rückzug in die Häuslichkeit? Welche Rolle hat der subversive Umgang von Mode und Handarbeit im Zuge unseres Experiments eingenommen? Welche neuen Facetten im Blick auf die in Frage gestellten Themenkomplexe haben sich im Laufe des permanenten Interpretationsprozesses ergeben?

Das Ergebnis
Ziel war es, den TeilnehmerInnen Einblick zu geben, wie KünstlerInnen und DIY-AktivistInnen Missstände wie Sizism nicht länger hinnehmen, sondern diese mittels subversiver Aneignung von Handarbeit und Mode spitzfindig hinterfragen. Mit den textilen Antworten gibt Stephanie Müller den TeilnehmerInnen Anregungen für eine künstlerisch-kritische Auseinandersetzung mittels Mode und Handarbeit geben.

Die textilen Antworten haben unsere Fragestellungen vielleicht nicht immer ganz auf den Punkt getroffen, dafür haben sie aber eine Reihe neuer Denkanstöße geliefert und Themenkomplexe zur Sprache gebracht, die uns bislang noch unbekannt waren.“ (Mirjam Stutzmann)

Im Spiegel unserer Fragen konnten wir die anderen von einer neuen Seite kennen lernen, denn Texte und Textilien reflektieren spannende Ideen und oft auch kontroverse Meinungen“, so Tina Täsch über den kommunikativen Prozess. Ähnlich denkt auch Christina John darüber: „Im Verlauf des Experiments musste ich mich stark mit meiner eigenen Person auseinandersetzen. Welchen Standpunkt nehme ich ein, welche Zweifel und Fragen habe ich, wer begegnet mir, wo gibt es Reibungen und wie komme ich damit zurecht?“

rollenFortführung
Der Dialog soll nun noch weitergehen: Zum einem wird Stepahnie Müller die textilen Objekte, die im Zuge des Experiments entstanden sind, um weitere Aspekte anreichern und für neue Denkanstösse öffnen. Die textilen Arbeiten, die bereits fotodokumentiert wurden, werden zum Teil wieder dekonstruiert, entfremdet und im Sinne der Bricolage in eine neue Form gebracht werden. Frei nach dem Motto „Stich’n Bitch“ werden Nadel und Faden bei der Ausarbeitung subversiv zum Einsatz gebracht. Das Augenmerk liegt dabei auf dem Sticken, das die Kleidungstücke  mittels gestickter Textzeilen und Bildkompositionen zum Sprechen bringt und in bewegliche Texturen verwandelt. Aber nicht nur mittels eingestickter Textzeilen werden die einzelnen Module zu Aussageträgern, sondern auch durch die Auswahl der Materialien. So wird in Anlehnung an das Palimpsest, das davon ausgeht, dass Schreiben immer nur im Dasein von anderem, bereits Geschriebenen existiert, bewusst „verlebte“ Textilien wie abgenutzte Geschirrtücher verwenden. Diese weisen bereits Gebrauchsspuren auf und bringen somit ihre eigene Geschichte in den fortgeschriebenen Dialog ein.

Die transformierten Textilobjekte von Stephanie Müller werden im Rahmen der Ausstellung im November 2009 sichtbar und auch greifbar.

Advertisements